9/11: Psychologin mahnt verantwortungsvollen Umgang mit Bildern an

11. September, Terroranschläge, Ground Zero

Was lösen die Bilder vom 11. September 2001 bei uns 25 Jahre später aus? Wie haben die Terroranschläge in den USA damals die Darstellung und Wahrnehmung von Gewalt in den Medien verändert? Und welche Schlüsse können wir daraus für unseren heutigen Medienkonsum ziehen? Darüber habe ich mit Michèle Wessa, Psychologie-Professorin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim, gesprochen. Das Interview erschien zunächst in nachrichtlicher Form beim epd Medien. Im Folgenden der Wortlaut in voller Länge:

Frau Professorin Wessa, was passiert aus psychologischer Sicht mit uns, wenn wir die schrecklichen Bilder vom 11. September 2001 sehen?

Die Reaktionen sind vielschichtig und hängen zum Beispiel stark davon ab, welche Vorerfahrungen wir haben oder auch wo wir waren, als das Ereignis passiert ist. Mit Vorerfahrung sind hier nicht nur genau gleiche Erfahrungen gemeint, sondern es können auch andere schlimme Erlebnisse sein, an die mich die Ereignisse vom 11. September erinnern. Und natürlich hängt meine Reaktion auf diese Bilder auch davon ab, ob ich zum Zeitpunkt des Ereignisses jemanden kannte, der in New York lebte, also hätte betroffen sein können, so dass ich in großer Sorge war. Es können ganz unterschiedliche Aspekte sein, die mir dieses Ereignis und die Situation, in der ich davon erfahren habe, vor Augen rufen. Wie ich dann reagiere, hängt sehr davon ab, wie ich es auch damals verarbeitet habe. Wenn meine emotionale Reaktion damals sehr stark und von großer Angst und Hilfslosigkeit geprägt war, vielleicht auch, weil mein Umfeld davon betroffen war, dann sind die Erinnerungen oft sehr lebendig und ich reagiere auch körperlich, zum Beispiel mit einem erhöhten Herzschlag. Und das Sehen der Bilder kann – genau wir Gerüche oder Geräusche – genau solche Reaktionen auslösen.

Wieso erschüttern uns die Bilder vom 11. September auch nach 25 Jahren noch so?

Ich glaube, das ist die Wucht dieses Ereignisses, die uns so getroffen hat. Es war ein Gefühl der Unkontrollierbarkeit und Hilflosigkeit. Damit hatte niemand gerechnet. Das traf das Grundgefühl von Sicherheit bei vielen von uns. Und wenn das Grundbedürfnis nach Sicherheit erschüttert wird, löst es auch bei Menschen, die nicht unmittelbar betroffen sind, eine starke Emotion aus. Man hat sich gefragt: Was kann eigentlich noch alles passieren?

Sie haben mit Opfern der Flugschaukatastrophe von Ramstein gearbeitet. Wie haben diese Menschen auf die Bilder dieses Unglücks reagiert?

Die Reaktion dieser Menschen hat eine andere Intensität, aber auch eine andere Qualität. Das Erlebte wird mit vielen sensorischen Reizen verknüpft, zum Beispiel mit Bildern, Gerüchen und Geräuschen. Und immer, wenn sie bildlich oder anders daran erinnert werden, werden Emotionen, körperliche Reaktionen oder Flashbacks getriggert. Das ist nicht bei allen der Fall, sondern vor allen Dingen bei den Menschen, die in der Folge eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickelt haben. Wenn das passiert, entsteht über Jahre durch unbewusstes Lernen ein Netzwerk von Hinweisreizen, die negative körperliche und emotionale Reaktionen auslösen können. Und deshalb sind die Bilder, die diese Menschen sehen, wie ein unmittelbarer Reiz, Erinnerungen und Emotionen wieder hochzuholen. Was für uns nur ein Bild ist, um Erinnerungen ganz normal abzurufen, ist für sie etwas, das mit überwältigenden Emotionen einhergeht. Wir haben gesehen, dass selbst kleinste und sogar neutrale Reize bei solchen Menschen eine sehr starke Emotion auslösen.

Was können solche Reize sein?

Ein Patient hat uns erzählt, dass er im Sommer nicht mehr grillen konnte und viele das nicht verstanden hätten. Aber am Tag des Ramstein-Unglücks hat es nach verbranntem Fleisch gerochen, weil Menschen dort verbrannt sind. Andere haben sich auf den Boden geworfen, wenn sie ein Flugzeuggeräusch gehört haben. Das ist mit der anderen Qualität der Reaktion bei einer PTBS gemeint. Es gibt ein treffendes Bild der PTBS-Forscherin Anke Ehlers: Normalerweise speichern wir Erinnerungen wie in einem Aktenschrank ab – sortiert nach Ereignissen oder Jahren. Menschen mit PTBS stopfen alle Erinnerungen wie Papiere einfach in einen Schrank und machen die Tür schnell zu. Und wenn diese Schranktür durch einen wie oben beschriebenen Reiz oft unfreiwillig geöffnet wird, fliegt ihnen alles entgegen, unkontrolliert und ohne, dass sie Einfluss darauf haben, welche Erinnerung oder Emotion in welcher Intensität abgerufen wird. Das wiederum führt zu Angst und starken körperlichen Reaktionen, so dass ein Teufelskreis entsteht.

Wenn kleine Reize bereits ausreichen – wie können Betroffene damit umgehen, wenn sie quasi an jeder Ecke ein Bild lauern könnte, das sie triggert?

Eine kognitive Verhaltenstherapie hilft den Betroffenen, die Erinnerungen neu so sortieren und diese dann auch wie geordnete Akten abzurufen. Außerdem können sie zusammen mit dem Therapeuten das Trauma nachvollziehen und dadurch eine Akzeptanz erreichen. Häufig ist ein ganz wesentlicher Schritt, das, was passiert ist, als Teil des eigenen Lebens zu akzeptieren und die Erinnerungen schrittweise ins biografische Gedächtnis zu integrieren.

Was die belastenden Bilder angeht – wie weit sind aus psychologischer Sicht die Medien in der Verantwortung, die solche Bilder verbreiten?

Ganz gleich ob aus psychologischer, aus pädagogischer oder gesellschaftlicher Sicht – es kommt auf allen Ebenen auf einen verantwortungsvollen Umgang mit solchen Bildern an. Auf individueller Ebene sind besonders die Eltern gefragt, weil Kinder nicht immer für sich selbst entscheiden können, was sie sehen. Ich selbst kann mich fragen, wieviel will ich mir eigentlich zumuten? Das heißt nicht, dass wir Nachrichten ignorieren sollen. Aber es ist sicherlich der falsche Weg, sich von morgens bis abends damit zu konfrontieren. Die Medien selbst sollten nicht einfach nur unvermittelt Bilder zeigen, sondern zum Beispiel ankündigen, was gleich zu sehen ist, damit die Menschen die Möglichkeit haben wegzuschalten. Wenn es keinen Informationszuwachs mehr gibt, muss ich vielleicht nicht immer weiter berichten. Was seit einiger Zeit noch dazu kommt: Viele Menschen sind verunsichert, welche Nachrichten sie überhaupt noch glauben können. Es ist ein zusätzlicher Stressverursacher, wenn ich nicht nur eine schlimme Nachricht bekomme, die ich verarbeiten muss, sondern auch noch überlegen muss, ob sie überhaupt wahr ist.

Würden Sie sagen, dass wir durch die Nachrichtenflut abstumpfen?

Abstumpfen hat eine sehr negative Konnotation. Natürlich gibt es eine Habituation, eine Gewöhnung. Auch in der Therapie arbeiten wir mit Habituationsprozessen. Dadurch, dass ich etwas immer wieder sehe, wird die Reaktion schwächer. Das bedeutet aber nicht, dass es mich kalt lässt. Damals hatte der 11. September so eine Wucht, weil er so unvorhersehbar und unvorstellbar war. Aber seitdem ist vieles passiert, was wir uns vorher nicht vorstellen konnten; kriegerische Auseinandersetzungen, auch weniger weit entfernt, und terroristische Gefahren sind ein Teil unseres Lebens geworden. Ich glaube aber, man sieht bei vielen Jugendlichen, dass sie nicht abgestumpft sind. Für sie gehört der 11. September nicht zur Normalität wie für uns. Wir haben seitdem einen Prozess durchlebt. Es ist Teil unseres Lernprozesses und unserer Erfahrungen mit vielen weiteren Ereignissen in der Welt über die Zeit, dass wir weniger stark reagieren.

Vielen Dank für das Gespräch!

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